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Hinrichtung von 250 Unschuldigen: Ein Mann treibt Fulda in eine grausame Episode

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Unvorstellbar, wie viel Grauen ein Mann innerhalb weniger Jahre über eine Region bringen kann. Anfang des 17. Jahrhunderts verschlang die Geldgier von Balthasar Nuß die Leben von 250 Menschen. Er nutzte die verbreitete Angst vor Hexen und dem Teufel – seine Foltermethoden zeugen von einer Blutrünstigkeit sondergleichen.

Von Sascha-Pascal Schimmel und Joscha Reinheimer für move36-Reportage

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Vier grausame Jahre
Hexenrichter Balthasar Nuß
Folter und Haft
Merga Bien: Eine "Hexe" aus Fulda
Prozess und Hinrichtung von Merga Bien
Das Ende von Balthasar Nuß







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1603, 1604, 1605 und 1606: Diese Jahreszahlen stehen für eine kurze, dafür umso grausamere Episode der Region Fulda. Es ist die Hochphase der Hexenverfolgung, die so abrupt enden sollte, wie sie begonnen hatte.

Der Name eines Mannes und dessen Gier stehen für diese schrecklichen Jahre. Ohne ihn hätten wahrscheinlich deutlich weniger Unschuldige auf Scheiterhaufen gebrannt.

Am Ende seiner Amtszeit hatte Hexenrichter Balthasar Nuß etwa 250 Menschenleben auf dem Gewissen. Seine Opfer litten unvorstellbare Qualen, wurden zu falschen Geständnissen gezwungen – ohne Hoffnung auf Überleben.

Fulda und Umgebung sind kein Einzelfall. Frauen wurden in weiten Teilen Europas verbrannt. Die Erklärung dieses barbarischen Phänomens ist komplex.

(Foto: Gedenkstein für die Opfer der Hexenverfolgung)

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Die Menschen gingen zu dieser Zeit von einer Welt aus, die Gott wohlgeordnet hatte. Für jegliche Unordnung – Krankheiten, Seuchen, Hungersnöte, Naturkatastrophen – suchten sie Sündenböcke. Aber waren mussten überwiegend Frauen dafür herhalten?

Eine Rolle spielt die weit verbreitete Angst innerhalb Kirche und Bevölkerung vor dem Teufel und der Hexerei. „Hexen“, das waren, in den Augen vieler, Frauen, die Gott abgeschworen hatten, anderen mit ihrem bösen Zauber schadeten und es mit dem Teufel trieben.

(Foto: dpa)

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Zudem diskutierten noch im 16. und 17. Jahrhundert Theologen, ob Frauen überhaupt Menschen seien. Für viele Menschen damals waren sie von Natur aus dem Bösen zugetan und eine ständige Bedrohung für den Mann. Die Verführung Adams durch Eva galt als ausreichender Beleg.

Das alles erklärt jedoch nicht das Ausmaß des systematischen, richterlich angeordneten Mordens. Dazu waren Gesetze nötig, welche nach und nach erlassen wurden, und Menschen, die willens waren, diese anzuwenden – häufig zu ihrem eigenen Nutzen.

(Foto: dpa)

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Ein solcher Mensch war Balthasar Nuß aus Brückenau. Vor seiner Hexenrichter-Zeit im Hochstift Fulda arbeitete er als Förster in Bieberstein.

Dort lernte er Balthasar von Dernbach kennen. Dem auf Schloss Bieberstein im Exil lebenden ehemaligen Fürstabt Fuldas hielt er während dessen Jahrzehnte dauernder Verbannung die Treue. Unter ihm wurde er Zentgraf und Malefizmeister von Hofbieber – war also schon dort für die Hexenprozesse zuständig.

(Foto: morgem)

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Auf Schloss Bieberstein muss es damals kalt und zugig gewesen sein. Kein Wunder, dass Dernbach während seines Aufenthalts um die Rückkehr als Fürstabt kämpfte. 1602 wurde er schließlich wieder in das Amt eingesetzt. Nuß belohnte er 1603 für dessen Treue unter anderem mit dem Posten des Hexenrichters des Hochstifts.

Schon vor Nuß hatte es in Fulda Hexenprozesse gegeben. Erst unter ihm kamen sie jedoch richtig ins Rollen. Er ließ Unschuldige im Akkord verbrennen, sie zuvor in bis dahin unbekannter Grausamkeit foltern.

(Foto: dpa)

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Dem Hexenrichter dienten die Angst vor „Hexen“ sowie die vorhandenen Gesetze als Mittel zum Zweck. Die Austreibung des „Bösen“ spielte für ihn eine untergeordnete Rolle – wenn überhaupt. Er wollte auf Kosten der Opfer, deren Angehörigen und der Bevölkerung seine Gier stillen.

Für die Hexenprozesse stellte er den Angehörigen der „Hexen“ mehr in Rechnung als nötig – den Überschuss kassierte er klammheimlich. Wenn Nuß dazu aufgelegt gewesen ist, ließ er sich bestechen und der Hexerei beschuldigte Frauen frei. Wein, den der Hexenrichter vordergründig für die Inhaftierten bestellt hatte, ließ er in sein Haus liefern.

Innerhalb von nur drei Jahre unterschlug der Hexenrichter auf diese Weise etwa 42 Jahresgehälter eines damaligen Bürgermeisters. Das geht aus Dokumenten vor, die move36-Reportage eingesehen hat. Seinen Opfer blieben zwischen Fetsnahme und Hinrichtung nur noch wenige Tage.

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Zeigte jemand einen anderen als Zauberer oder (überwiegend) „Hexe“ an, ließ Nuß diese Person umgehend von zuhause abholen und Foltern – selbst Schwangere. Einer Gefangenen ließ der Hexenrichter einen Topf mit glühenden Kohlen unter die Füße stellen, bis diese verkohlt waren. Andere wurden mit einem „scharfen, schneidenden Holz“ oder brennenden Fackeln gefoltert, wie der spätere Domkapitular Georg Malkmus 1875 nach Einsicht in Akten schreiben sollte.

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Laut Malkmus durchlitt eine Frau sogar viermal die Folter, bis sie für unschuldig befunden wurde. Sie brachte anschließend ein behindertes Kind zur Welt, war selbst den Rest des Lebens ein Krüppel. Andere brachten sich aus Angst vor der Folter um. Die meisten endeten jedoch auf dem Scheiterhaufen – ob sie gestanden oder nicht.

Die Folter diente Nuß nicht nur, um Geständnisse aus den Frauen zu quetschen. Sie sollten auch andere der Hexerei bezichtigen. So hielt der Hexenrichter die Prozesse und seine Geldmaschine am Laufen.

(Foto: Erica Guilane-Nachez)

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Merga Bien war eines von Nuß' Opfer. An ihrem Beispiel wird deutlich, wie aussichtslos die Lage wurde, sobald eine Frau in dessen Fänge geraten war.

Biens Elternhaus stand wahrscheinlich in der Gerbergasse seitlich der Löherstraße in Fulda. Mergas Vater ist Gerber, also Löher gewesen. Ihr Mädchenname ist unbekannt. Bekannt ist allerdings, dass sie, im Verhältnis zu den vielen armen Menschen damals, vermögend gewesen sein muss und einen guten Leumund gehabt hat. Mehrfach wurde sie Patin eines Neugeborenen.

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Merga wurde als Teenager mit einem alten Gerber verheiratet. Dieser starb zeitnah. Mit ihrem zweiten Ehemann zeugte sie zwei Kinder. Mann und Kinder sollten jedoch sterben – vermutlich durch die Pest.

Blasius Bien wurde ihr dritter Ehemann. Das Paar wohnte nacheinander in Michelsrombach, Hünfeld und Schlitz, bevor es nach Fulda zog. Überall lebten sie unbescholten. Erst als 1603 der Hexenprozess gegen Merga Bien begonnen hatte, äußerten Zeugen aus diesen Orten die merkwürdigsten Verdächtigungen.

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Für Nuß waren diese Anschuldigungen eine Steilvorlage - er verwob sie mit anderen Vorkommnissen. Den Tod ihres zweiten Manns und der Kinder aus dieser Ehe schob er Merga in die Schuhe. Zudem führte Nuß an, dass bereits ihre Mutter und Schwester als "Hexen" verbrannt worden waren.

Am schwersten wog jedoch der abstruseste "Beweis": Merga hatte gesagt, dass sie schwanger sei, als Nuß sie ins Visier genommen hatte. In 14 Jahren Ehe mit Blasius Bien war das nie der Fall gewesen. Für den Hexenrichter war damit klar: Bien trägt den "Antichrist" in sich.

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Am 19. Juni 1603 ließ er Merga verhaften. Wegen der überfüllten Gefängnisse wurde sie in einen hundehütten-ähnlichen Käfig neben dem Backhaus des Schlosses gezwängt. Dort konnte sie sich kaum bewegen.

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Blasius Bien passte ganz und gar nicht, wie Nuß seine Frau unterbringen ließ. Er ging dagegen vor, zog seine Klage trotz guter Aussichten jedoch zurück. Nuß hatte Mergas Ehemann eingeschüchtert, ihm gesagt, dass sie alles geständen hätte und ihm Ärger mit dem Fürstabt drohe.

Ob Merga zwischenzeitlich dennoch für kurze Zeit frei gekommen ist und anschließend wieder inhaftiert wurde, ist nicht klar. Insgesamt soll sie eine ungewöhnlich lange Zeit eingesperrt gewesen sein. Nach 14 Wochen soll sie gesagt haben: „Ach Gott, so will ich es getan haben.“ Ihr Todesurteil.

Laut dem späteren Domkapitular Malkmus wurde Merga Bien mit weiteren Frauen verbrannt. Er geht davon aus, dass die Hinrichtung im Herbst 1603 stattgefunden hatte. Blasius Bien musste für die (übertriebenen) Kosten des Prozesses aufkommen.

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Keine drei Jahre später schließt sich der Vorhang vor dem schaurigen Schauspiel. Am 15. März 1606 stirbt Fürstabt Dernbach, Hexenrichter Nuß verliert seinen größten Befürworter. Die Bürger des Hochstifts reichen zahlreiche Beschwerden gegen ihn ein. Dabei geht es selten darum, dass Unschuldige getötet wurden. Sie klagen vielmehr über das Prozessverfahren und die übertriebenen Kosten.

Jahrelang konnte Nuß machen, was er wollte. Nun leitete der neue Fürstabt Untersuchungen ein. Wenig später saß Nuß im Gefängnis. Dort sei er zu einem Krüppel geworden, schrieb seine Frau, mit der er während der Haft mehrere Kinder gezeugt haben soll.

(Foto: Erica Guilane-Nachez)

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Die Fuldaer hatten nicht das geringste Mitleid mit dem ehemaligen Hexenrichter. Seine Verhaftung löste „allgemeinen, unermesslichen Jubel“ aus, schreibt Malkmus.

Der folgende Prozess gegen Nuß war wegen der vielen Anklagepunkte und Zeugen ein Monsterprozess. Das Urteil fiel erst nach zwölf Jahren. Am 5. Dezember 1618 wurde Fuldas grausamer Hexenrichter geköpft.

(Foto: Bei der Christuskirche könnte ein Scheiterhaufen gestanden haben)

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Text und Redaktion: Sascha-Pascal Schimmel
Fotos: Joscha Reinheimer, Sascha-Pascal Schimmel, dpa, Fotolia
Videos und Audio: Joscha Reinheimer


Die Reportage enthält Sequenzen des Musicals "Merga Bien" des Vereins "Vituoso - Die Musicalfabrik".

Quellen: "Fuldaer Anektdotenbüchlein" von Dr. Georg Joseph Malkmus (1875), "'...ach Gott, so will ich es gethan haben' - Das Leben der Merga Bien" von Ingrid Möller-Münch (2012), "Zur Geschichte der Hexenprozesse in Fulda" von Berthold Jäger (1997).

(Foto: Erica Guilane-Nachez)



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Der nebenan (...) Hexenturm, früher als Turm am Frauentörlein bezeichnet, bekam seine heutige Be-zeichnung erst im 19. Jahrhundert, als man in der Zeit der Romantik das Mittelalter unter anderem mit der Hexenverfolgung, die allerdings ein Phänomen der Frühen Neuzeit ist, in Verbindung brachte. Es ist davon auszugehen, dass hier niemals ein Gefängnis war und deshalb auch keine als Hexen bezichtigte Personen hier einsaßen.

(Quelle: Stadt Fulda, 7. März 2017)


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