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Parallelwelt Gefängnis: Das Leben in der Hünfelder JVA

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JVA Hünfeld Gefangenentrakt

Klick, und das Leben in Freiheit hat ein Ende. Es ist dieses Geräusch, das sich nicht nur Häftlingen des Gefängnisses in Hünfeld einbrennt - und das sie auf ewig mit ihrer Strafe verbinden werden. Blick in die Parallelwelt hinter Gittern.

Von Sascha-Pascal Schimmel und Joscha Reinheimer für move36-Reportage


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Heinrich Schöning arbeitet täglich im Hünfelder Gefängnis. Dort ist er seit August 2009 katholischer Seelsorger.

Man merke, dass die Haft die Gefangenen präge, sagt er. Viele würden nachdenklich, fänden den Weg zurück zum Glauben.

Für Schöning gibt es in der JVA reichlich zu tun. "Mich erreichen 15 bis 20 Anfragen von Häftlingen pro Woche", sagt der Seelsorger. Häufig gehe es um deren Sorgen.

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JVA Hünfeld Seelsorger in Kapelle
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JVA Hünfeld Kapelle

Schöning ist nicht der einzige Seelsorger im Gefängnis in Hünfeld. In der JVA kümmern sich unter anderem ein evangelischer Pfarrer und ein Imam um die Gefangenen.

Insbesondere im Advent halten sie viele Gottesdienste für Menschen aus verschiedenen Kulturen.

"Viele der Gefangenen sprechen Spanisch", sagt Seelsorger Schöning. "Sie wurden zum Teil in Frankfurt aus dem Flieger geholt, häufig handelt es sich um Drogenkuriere."

Am spanischsprachigen Gottesdienst würden 20 bis 30 Menschen teilnehmen. Manchmal seien es so viele, dass der Gottesdienst zweimal gehalten werden müsse.

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JVA Hünfeld Seelsorger in Kapelle

Schöning steht den Gefangenen nicht nur in der JVA zur Seite. Er begleitet sie auch auf den ersten Ausgängen vor der Entlassung.

Er sagt, dass er sie natürlich nicht aufhalten könne, wenn sie flüchten wollten. "Aber wer geht kurz vor der Entlassung schon ein solches Risiko ein", fragt der Seelsorger.

Auf sein Verhältnis zu den Häftlingen angesprochen sagt er: "Ich komme mit denen ganz gut aus, muss ich mal so sagen. Im Wesentlichen jedenfalls."

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JVA Hünfeld Krankenstation

In Gebäude A der JVA befindet sich die Krankenstation. Acht Pflegekräfte und der Stationsarzt kümmern sich dort um 30 bis 50 Patienten - täglich.

Die Station ist mit einem kleinen Labor, einem Ultraschall- sowie einem Röntgengerät ausgestattet. Das Team kann alles leisten, was ein guter Allgemeinmediziner zu leisten im Stande ist. Betten gibt es dort jedoch nicht.

Eine große Herausforderung für Pfleger und Arzt: Zwischen zwei Drittel und drei Viertel der Gefangenen schleppen ein Suchtproblem mit sich herum.

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JVA Hünfeld Krankenstation Dr. Arhold

Dr. Arhold ist Anstaltsarzt in der JVA. Er bringt die Erfahrung aus 20 Jahren im Rettungsdienst mit. Und: Er ist als Mediziner in den Krisenregionen Irak und Afghanistan im Einsatz gewesen.

Für ihn ist klar: Ohne eine gewisse Erfahrung geht es auf einer JVA-Krankenstation nicht. Arhold muss einschätzen, wann eine Behandlung in einem Krankenhaus nötig ist, ein Häftling die JVA dafür also verlassen muss.

Liegt der Anstaltsarzt mit seiner Einschätzung falsch, hat er unnötig hohe Kosten verursacht. Denn der Häftling muss im Krankenhaus bewacht werden.

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JVA Hünfeld Krankenstation Dr. Arhold
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JVA Hünfeld Krankenstation

Welche Verantwortung Dr. Arhold trägt und wie schwer eine Entscheidung fallen kann, verdeutlicht ein Beispiel. "Letztens habe ich spätabends um halb zwölf einen Anruf erhalten", sagt Arhold. "Es hieß, ein Gefangener habe eine Batterie verschluckt."

Der Anstaltsarzt musste entscheiden, ob der Häftling von der JVA in ein Krankenhaus gebracht wird. "Während normale Batterien nicht giftig sind, ist das bei Knopfzellen anders." Arhold entschied sich gegen die Fahrt in eine Klinik - zurecht.

"Am nächsten morgen haben wird den Patienten geröntgt", sagt der Arzt. "Eine Batterie haben wir nicht gefunden."

Neben solchen Fällen sind die vielen Süchtigen, um die Arhold sich kümmert, eine riesige Herausforderung.

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JVA Hünfeld Krankenstation Dr. Arhold
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JVA Hünfeld Sporthalle

Im Westen der JVA befindet sich eine moderne Sportanlage. Sportplatz, Turnhalle und Kraftraum zählen dazu.

Die Anlage sorgte zu Beginn nicht unbedingt bei allen für Begeisterung. "Warum wird für Häftlinge so viel Geld ausgegeben", fragten manche.

Die Bediensteten der JVA messen dem Sportangebot jedoch große Bedeutung bei. Es sei wichtig für die Sozialisierung und zum Abbau von Frust.

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JVA Hünfeld Fitnessraum

"Die Gefangenen können in einer Woche bis zu dreimal Sport treiben", sagt Helmut Wetter, stellvertretender Leiter des Gefängnisses. "Davon mindestens einmal Teamsport - zwecks Sozialisierung. Maximal einmal Kraftsport."

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JVA Hünfeld Sporthalle

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JVA Hünfeld Gefangenentrakt

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JVA Hünfeld Zelle

In der JVA ist Platz für 507 Häftlinge. Sie sind in 11 Quadratmeter großen Zellen untergebracht - 14 bis 21 Stunden am Tag.

In den Zellen befinden sich neben Bett, Stuhl, Schrank, Regal und Tisch ein kleiner Kühlschrank. Häftlinge können einen Fernseher beantragen. Die Kosten für Strom und Kabelanschluss tragen sie.

Neben den Zellen befindet sich in jedem Gefangenengtrakt eine Küche. Dort können die Häftlinge sich etwas kochen.

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JVA Hünfeld Gefangenentrakt

Andrea Abel ist Leiterin des Bereichs Innere Sicherheit in der JVA in Hünfeld. Sie und ihre Kollegen kontrollieren und zählen die Gefangenen, legen notfalls Fesseln an und greifen bei Konflikten ein.

"Der Tagesablauf ist immer gleich, jeden Morgen, wie im Krankenhaus", sagt Abel. "Wir gucken, ob alle Häftlinge okay sind. Dann bekommen sie Frühstück. Anschließend werden sie zur Arbeit geschickt."

Sinn dieser Struktur: "Die Häftlinge sollen sich an das Leben draußen anpassen", sagt die Bereichsleiterin. "Wir bläuen ihnen so das Pflichtbewusstsein ein, morgens aufzustehen und zur Arbeit zu gehen." Vorbereitung auf das Leben nach der Haft also - im Gefängnis.

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JVA Hünfeld

Das Gefängnis in Hünfeld ist eine geschlossene JVA. Das heißt: Hier gibt es keine Freigänger, also solche, die tagsüber in Freiheit arbeiten gehen, hinter denen sich dann aber doch abends die Zellentür schließt.

Nur bei gelegentlichen Ausgängen verlassen die Hünfelder Häftlinge das Gefängnis. Dann werden sie zum Beispiel bei der Suche nach Job und Wohnung für die Zeit nach der Haft begleitet. Eine Art Bewährungsprobe.

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JVA Hünfeld Modell

Die Häftlinge des Hünfelder Gefängnisses leben im geschlossenen Vollzug. Im Gegensatz zum offenen Vollzug wie im Fuldaer Gefängnis, sind die Hafträume nur zur bestimmten Zeiten geöffnet.

Häftlinge in Hünfeld können im Monat bis zu zweimal Besuch empfangen. Die Gesamtdauer beträgt monatlich mindestens eine Stunde. Besuche finden ausschließlich zu den genehmigten Zeiten statt.

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JVA Hünfeld Häftling
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JVA Hünfeld Häftling

Kees van Velzen ist mittlerweile 66 Jahre alt. Der gebürtige Niederländer hat mit einer Komplizin über Jahre seinen Arbeitgeber systematisch betrogen. Die Beute: deutlich mehr als 500.000 Euro. Ein Gericht in Kassel verurteilte ihn deswegen zu mehreren Jahren Haft.

Briefe von Freunden und seine Lebensgefährtin geben ihm während der Zeit im Gefängnis Kraft. Seine Freundin strahlt ihn von mehreren Fotos an, die van Velzen über seinen Schreibtisch gehängt hat.

Einiges, was für viele Menschen normal ist, bleibt ihm während der Haft verwehrt - das ist die Strafe.

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JVA Hünfeld Häftling
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JVA Hünfeld Häftling

Van Velzen ist alles andere als der Prototyp eines Verbrechers. Er ist vollkommen in die Gesellschaft integriert, geht gerne tanzen, leitet sogar Kurse.

Seit Jahrzehnten lebt er in Deutschland. Hier nennt er sich Cornelius, nicht Kees. "Das ist für die Menschen hier einfacher", sagt er.

Im Vergleich zum Großteil der anderen Häftlinge ist er für die Bediensteten der JVA leicht zu handhaben. Kooperativ ist er. Und anders als viele andere hat er keine Drogen- oder Alkoholprobleme.

Dennoch: Es hat gedauert, bis Cornelius sein Unrecht eingesehen hat.

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JVA Hünfeld Häftling
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JVA Hünfeld

Unmittelbar vor der Haft habe er eine noch schlimmere Zeit erlebt, sagt van Velzen. Es dauerte Monate, bis er die Haft antreten konnte. In der Zwischenzeit hing die Strafe wie ein Damoklesschwert über ihm - er wusste nie, wann es losgehen würde.

"Egal, was sie machen, die drohende Inhaftierung bestimmt ihr Leben", sagt van Velzen. "Wenn Sie ein schönes Sofa sehen, das sie kaufen wollen, zum Beispiel. Können Sie vergessen, denn der Start der Haft droht." Eine solche Zeit gönne er niemanden.

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Text und Redaktion: Sascha-Pascal Schimmel
Fotos, Video, Audio: Joscha Reinheimer


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