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Sicherheits-Boom: Der viel zu leichte Weg in die sensible Security-Branche

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Ist das richtig? Fast jeder kann im Sicherheitsgewerbe arbeiten und sich dort selbständig machen. Seriöse Unternehmen und Verbände kritisieren das seit langem. Derweil hat das Ordnungsamt Fulda während der Flüchtlingskrise deutlich mehr Verstöße von Security-Firmen registriert. move36-Reportage hat sich in der sensiblen Branche umgesehen.

Von Sascha-Pascal Schimmel und Joscha Reinheimer



(Foto: dpa)


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Die Flüchtlingskrise hat Deutschland 2015 ordentlich durcheinandergewirbelt. Viel Arbeit und Geld flossen in die Unterbringung von knapp 900.000 Menschen. Weil die Unterkünfte gesichert werden mussten, hat die Sicherheitsbranche einen Boom erlebt.

Im Kreis Fulda arbeiteten laut Bundesagentur für Arbeit Ende 2015 31 Prozent mehr Menschen in Schutz-, Sicherheits- und Überwachungsberufen als ein Jahr zuvor. „Ursache (...) war der hohe Zustrom an Flüchtlingen“, sagt Christina Fink, Teamleiterin Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur Fulda. „Zum Großteil bewachten diese Arbeitskräfte Flüchtlingsheime, die inzwischen wieder leer stehen.“

Der Boom bietet Anlass, sich genauer anzusehen, wer in dieser Branche arbeitet oder dazu gehören möchte. Denn die Einstiegshürden sind extrem niedrig. Fast jeder könnte sich in dem sensiblen Gewerbe selbständig machen – ohne fundierte Ausbildung. Und einige Securitys dürften gar nicht als solche arbeiten.

(Foto: dpa, Grafik: Sascha-Pascal Schimmel)

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In 40 Stunden fit für den Job?

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Sascha Liebaug ist ein Mann vom Fach. In Thüringen führt er eine Frima für Sicherheitsberatung. Seit 2007 arbeitet Liebaug als Dozent für die IHK Fulda. In deren Auftrag hält er Kurse für Ungelernte - ebnet ihnen den Weg in die Security-Branche.

In Deutschland kann jeder, der eine sogenannte Unterrichtung erfolgreich besucht, offiziell in dem Gewerbe arbeiten. Vom Gesetzgeber ist das gewollt.

Liebaug schmeckt das nicht wirklich. Er wünscht sich höhere Hürden. Aktuell kann er jedoch nicht viel mehr machen, als dafür zu sorgen, dass die Standards eingehalten werden. Keiner, bei dem er nicht zu 100 Prozent sicher ist, soll den Kurs bestehen. Nicht jeder Dozent ist derart konsequent.

Es ist ein Montagmorgen Anfang Herbst in Fulda. Um acht Uhr startet die Unterrichtung. 40 Stunden auf fünf Tage verteilt. An deren Ende steht bei erfolgreicher Teilnahme eine Bescheinigung der IHK, die Eintrittskarte in die Branche.

Liebaug soll 14 Menschen fit für ihre anstehenden Aufgaben im Sicherheitsgewerbe machen. Ob das bei allen innerhalb einer Woche Theorie gelingt? Fraglich.

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Liebaug – dunkler Anzug, weißes Hemd, rot-grau gestreifte Krawatte – ist ein lockerer, aber bestimmter Typ. Während er über Öffentliches Recht, Gewerberecht und Datenschutz spricht, wippt er auf seinen Füßen, geht zwischendurch ein paar kleine Schritte in einem unsichtbaren Quadrat.

Seine Schüler lauschen teils angestrengt. Vieles des Stoffs hören sie zum ersten Mal.

Sie sind ein bunter Haufen: Eine Frau in weißem Blazer, kurzem, schwarzem Kleid, High-Heels und knallig roten Haaren. Ein Pizzeria-Angestellter. Ein junger Mann, der in der Ausbildung gescheitert ist. Dazu einige mit Erfahrung im Sicherheitsgewerbe.

In der ersten Pause, nach etwa 90 Minuten, zieht Liebaug Zwischenbilanz für sich. „Vom ersten Eindruck her werden es vier, fünf sprachlich nicht schaffen“, vermutet er.

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Deutsch als einzige Hürde

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Einer der Wackelkandidaten ist ein schmächtiger Mann Ende 40. Seine dunkle Jacke hängt schlaff über den spitzen Schultern. Er wird sie den gesamten Tag nicht ausziehen. Auch seine Sonnenbrille gibt erst am frühen Nachmittag die Augen frei. Beim Sprechen holpern die Worte aus seinem Mund. So, als würden sie an Gaumen und Zunge verkanten.

Die Sprache:
Sie sollte eigentlich selbstverständlich sein. Dennoch scheitert regelmäßig eine Handvoll Kursteilnehmer an ihr. Damit stellt Deutsch mehr oder weniger die einzige echte Hürde vor einem Security-Job dar.


(Foto: dpa)

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Hintergrund: Der leichte Einstieg in die Security-Branche

Das Lehrbuch ist mehr als 200 Seiten stark. (Foto: Sascha-Pascal Schimmel)
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Die wenigsten Sicherheitsarbeiter haben eine Ausbildung absolviert. Der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) schätzt, dass etwa 85 Prozent Seiteneinsteiger sind.

Ihnen öffnet sich die Tür zum Gewerbe auf drei Wegen. Einerseits als angehende Angestellte mittels 40-stündiger Unterrichtung. Nach dem doppelten Pensum dürfen sie sich sogar selbständig machen. Tätigkeiten wie Citystreife, Kaufhausdetektiv und Türsteher sind für sie in beiden Fällen jedoch tabu.


Dafür müssten sie eine Sachkundeprüfung ablegen. Diese besteht aus einem schriftlichen (120 Minuten) und einem mündlichen Teil (15 Minuten). Beide Teile müssen sie bestehen. Dafür sind jeweils mindestens 50 Prozent der Punkte nötig.

Das Lehrbuch ist mehr als 200 Seiten stark. (Foto: Sascha-Pascal Schimmel)
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Sahin Can ist einer der wenigen, die sich für eine Ausbildung zur Fachkraft für Schutz und Sicherheit entschieden haben. Bereits vor zwei Jahren, mit 17, hatte er sich bei W.I.S. Service und Sicherheit in Fulda vorgestellt. „Damals konnten wir ihm keinen Ausbildungsplatz anbieten“, sagt Betriebsleiter Thomas Ehmer. „Er sprach schlecht Deutsch, durfte ohne Begleitung nicht selber Auto fahren.“

Die Hausaufgaben, die Ehmer ihm mit auf den Weg gegeben hatte, hat Can erledigt. Sein Deutsch hat er verbessert, der Führerschein steckt im Portemonnaie, der Schulabschluss in der Tasche.

W.I.S. zählt zu den sieben Ausbildungsbetrieben des Gewerbes im Kreis Fulda. In den vergangenen fünf Jahren haben diese laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag  zusammen 19 junge Menschen ausgebildet. Zum Vergleich: In der gesamten Branche waren Ende 2015 im Kreis 801 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

„Wir hatten bisher zwei Azubis“, sagt Ehmer, der seit 31 Jahren dabei ist. „Klar würden wir gerne mehr ausbilden. Dazu fehlt uns aber das Personal.“

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Hintergrund: Duale Ausbildung im Sicherheitsgewerbe

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Im Sicherheitsgewerbe gibt es zwei duale Ausbildungen. Die eine, wie Can sie absolviert, bildet Menschen zu Fachkräften für Schutz und Sicherheit aus. Sie dauert drei Jahre und ebnet den Weg in eine Führungsposition.

Im dritten Ausbildungsjahr widmen sich die angehenden Fachkräfte unter anderem den Themen Risikomanagement, Teamgestaltung und Auftragsbearbeitung. Diese Blöcke sind in der zwei Jahre dauernden Ausbildung zur Servicekraft für Schutz und Sicherheit nicht vorgesehen.

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Sollte Sahin Can die Ausbildung erfolgreich abschließen und er es wollen, kann er eine leitende Funktion anstreben. Zum Beispiel als Objektleiter eine Truppe von Sicherheitskräften führen, die Gebäude von großen Kunden betreuen.

Im ersten Jahr seiner Ausbildung wird Can im Innendienst tätig sein – neben den Besuchen der Berufsschule. Ab dem zweiten Jahr geht es in den Außendienst. „Wir bieten alle Stationen an, die es im Sicherheitsgewerbe gibt“, sagt W.I.S.-Betriebsleiter Ehmer. „Ob Revierfahrten, Tätigkeiten am Flughafen in Frankfurt oder Wach- und Werkschutz.“

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Can scheint sich für einen vielversprechenden Weg entschieden zu haben. Laut Thomas Ehmer würden die Kunden mittlerweile häufiger gezielt nach Fachkräften fragen.

Es gibt zwar einige Tätigkeiten, für die keine Ausbildung nötig ist. Zum Beispiel das Entwerten von Eintrittskarten. Auf der anderen Seite geht es in vielen Bereichen jedoch nicht ohne.

„Eine Ausbildung ist zum Beispiel für Sicherheitstätigkeiten im Werkschutz nötig“, sagt Betriebsleiter Ehmer. „Dort können Gefahrenstoffe lagern.“

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Mehr als 200 Seiten und wenig Zeit

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Für solche Aufgaben werden sich Liebaugs Kursteilnehmer vorerst nicht qualifizieren. Bei ihnen geht es darum, möglichst viel von den Basics ihres Gewerbes zu verstehen – das ist ambitioniert genug. Im Kurs kauen sie innerhalb der fünf Tage ein mehr als 200 Seiten starkes Lehrbuch durch. „Da kratzen sie in so kurzer Zeit nur an der Oberfläche“, sagt der Dozent. Zeit, sich den Stoff zwischendurch noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen, damit er möglichst lange haften bleibt, ist maximal in den Pausen.

Liebaug hat wenige Möglichkeiten, zu überprüfen, ob seine Schüler ihm folgen können. Am Mittag stellt er ein paar Verständnisfragen – bei einigen hakt es noch ordentlich. Für sie heißt es zittern. Denn am Ende jedes Kurstages steht seit Herbst 2015 ein Test. Zehn Multiple-Choice-Fragen zum Stoff des Tages. Mindestens die Hälfe müssen sie richtig beantworten.

An sich keine große Sache. Manchmal deutet ein Wort in der Frage auf die richtige Antwort. Dann und wann geht es um Standardfragen zur Verfasstheit der Bundesrepublik. Wer zählt zur Exekutive? Wer erlässt bundesweite Gesetze?

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Einige Kursteilnehmer mühen sich jedoch ziemlich. Auch Alireza zittert. Er ist nervös, hat mittlerweile Kopfschmerzen von den vielen Unterrichtsstunden voller Fachbegriffe. Alireza stammt aus Iran und ist vor einem Jahr nach Deutschland gekommen. Dafür spricht er außerordentlich gut Deutsch. Dennoch sagt er: „Ich verstehe nur 70 Prozent von dem, was Herr Liebaug sagt.“ Der Rest ergibt sich für ihn aus dem Zusammenhang.

Alireza ist der Letzte, der den Test abgibt. „Ich habe ganz schön geschwitzt“, sagt er und ist skeptisch. Tatsächlich bestehen ein paar Teilnehmer den Test nur um Haaresbreite. Einer fällt sogar durch. Er kann ihn am nächsten Morgen wiederholen. Scheitert er erneut, muss er den Kurs verlassen, eine Bescheinigung erhält er dann nicht. Liebaug weiß aus Erfahrung: „Wer bereits am ersten Tag Probleme hat, wird es im Laufe der Woche schwer haben.“

Für Alireza hingegen hat sich das Schwitzen gelohnt. „Alles richtig“, sagt er und presst erleichtert Luft aus seiner Lunge. „Für mich ist es extrem wichtig, den Kurs zu bestehen. Ein Bekannter hat mir einen Job angeboten. Er stellt mich aber nur ein, wenn ich eine Bescheinigung bekomme.“

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Der Umsatz von Wach- und Sicherheistdiensten sowie Detekteien in Deutschland  ist innerhalb der vergangenen fünf Jahre um 46 Prozent auf 6,9 Milliarden Euro (*Schätzung) gestiegen. Das geht aus einer Statistik des BDSW hervor.

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Deutlich mehr Verstöße während Flüchtlingskrise

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Nicht alle Arbeitgeber innerhalb der Branche sind so korrekt wie jener, der Alireza ein Angebot gemacht hat. Um das zu wissen, reicht ein Blick in die Runde der Kursteilnehmer. Dort sitzen locker fünf, die über ihre Arbeit als Sicherheitskraft sprechen. Unternehmen hatten sie angestellt, obwohl sie noch nicht den nötigen Nachweis erbracht haben, Bewachungstätigkeiten nachgehen zu dürfen. Manche waren in Flüchtlingsunterkünften eingesetzt.

„Das ist kein Einzelfall“, sagt Dozent Liebaug. „Als im vergangenen Jahr mit jeder Eröffnung einer Unterkunft der Bedarf an Sicherheitspersonal wuchs, gab es einen Engpass.“ Anfangs habe es nicht genug Einstiegskurse bei der IHK gegeben, um das neue Personal zu Schulen. „Die IHK musste das Angebot ausweiten. Wer noch keine Bescheinigung hatte, wurde zu Beginn offiziell häufig als Brandwache eingestellt, arbeitete tatsächlich aber als Sicherheitskraft.“

Damit haben die Unternehmen vor dem Hintergrund dieser Ausnahmesituation reihenweise gegen das Gewerberecht verstoßen. Solchen Verstößen gehen die Ordnungsämter nach und sprechen bei Bedarf Strafen aus.

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Das Ordnungsamt in Fulda bestätigt move36-Reportage:

„Richtig ist (…), dass es Verstöße gab. Im Wesentlichen wurden diese begangen von auswärtigen Wachfirmen, deren Wachleute mit der Ausführung von Bewachungsaufträgen in Fulda betraut waren. Richtig ist auch, dass die Anzahl von Verstößen gegen die Meldepflicht (von Sicherheitskräften; die Redaktion) und der Einsatz von nicht qualifiziertem Wachpersonal im Jahr 2015 erheblich gestiegen ist.“

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Zweifel an der Qualifikation

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Thomas Ehmer von W.I.S. in Fulda ist überzeugt, dass es zu dieser Masse an Verstößen nicht hätte kommen müssen. „Es wäre möglich gewesen, den zusätzlichen Bedarf in den Unterkünften mit vorhandenem, bereits qualifiziertem Personal zu decken“, sagt der Betriebsleiter.

Die Güte der Qualifikation vieler Sicherheitskräfte ist generell ein Thema, das innerhalb der Branche Wellen schlägt. „Wir fordern seit Jahren eine höhere Qualifikation“, sagt Martin Hildebrandt, stellvertretender Geschäftsführer des BDSW, mit Blick auf die Möglichkeiten des Seiteneinstiegs durch Unterrichtung und Sachkundeprüfung.

„Azubis werden in Objekten eingesetzt. Sie besuchen die Berufsschule, wissen genau was sie dürfen und was nicht. Sie sind kaufmännisch fit und können Analysen erstellen“, sagt Hildebrandt. „Jemand, der so eine Ausbildung nicht hat, ist an sich nicht qualifiziert, ein Unternehmen zu führen.“

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Foto: dpa
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Auch Sascha Liebaug übt Kritik. „Viele Leute sind ganz weit weg von der Praxis“, sagt der Dozent. „Nach der Sachkundeprüfung gründen sie ein Unternehmen, anschließend arbeiten sie auf eigene Rechnung.“ Er bezweifelt, dass das Bestehen der Prüfung dazu ausreichend qualifiziert.

Liebaug fordert, dass Personen mindestens Fachkraft für Schutz und Sicherheit sein müssten, um sich selbständig machen zu können. „Besser wäre Meister.“ Generell sollten Leute mindestens die 40-stündige Unterrichtung absolvieren und anschließend die Sachkundeprüfung bestehen müssen, um in der Sicherheitsbranche arbeiten zu dürfen. „Es wird den Sicherheitsarbeitern selbst nicht gerecht, wenn sie nur eine Woche Unterrichtung hinter sich haben und dann gleich in Einrichtungen wie Flüchtlingsunterkünften eingesetzt werden, wo großes Konfliktpotential schlummert.“

Immerhin: „Der erste Schritt ist getan“, sagt der Dozent. „Es gibt einen Gesetzentwurf zur Verschärfung der Zugangsvoraussetzungen.“ Setzt dieser sicher durch, wird der Nachweis der Sachkunde für alle Tätigkeiten, die bisher davon ausgenommen sind, Pflicht. Dann müssten laut Liebaug jedoch auch die Voraussetzungen für Selbständigkeit heraufgesetzt werden. Ansonsten ergebe das Ganze wenig Sinn.

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Text und Redaktion: Sascha-Pascal Schimmel
Fotos, Videos, Audio: Joscha Reinheimer


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