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Strecke 46: Auf den Spuren der vergessenen Reichsautobahn

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Strecke 46 Reichsautobahn

Sie war Teil des gigantischen Reichsautobahnprojekts der Nazis: die Strecke 46. Fertiggestellt wurde sie nie. In den Wäldern zwischen Bad Brückenau und Würzburg verbergen sich ihre Reste.


Von Sascha-Pascal Schimmel und Steffen Hildenbrand


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Strecke 46

Durch die Wälder und Felder zwischen Bad Brückenau und Würzburg zieht sich ein dunkles Band. Auf Luftaufnahmen ist es zu erkennen. Ein Schatten vergangener Jahre - schlimmer Jahre.

Dieser Schatten erinnert an einen Teil des gigantischen Reichsautobahnprojekts der Nazis. In seinem Bereich sollte der durch Bayern führende Abschnitt der Strecke 46 verlaufen, einer Autostraße von Bad Hersfeld bis Würzburg.

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Reichsautobahn

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Reichsautobahn Strecke 46

20. Oktober 1937: Es ist eines der wichtigsten Daten der Strecke 46. An diesem Tag startete der Bau an den ersten Bauwerken. Die Arbeiten sollten ursprünglich bis 1939 abgeschlossen sein.

Zwischen Baukilometer 1,5 und 28,0 waren dafür etwa 3500 Arbeiter im Erd- und Brückenbau sowie mit zahlreichen Nebenarbeiten beschäftigt. Das schreibt Dieter Stockmann in seinem Buch "Strecke 46", das diesem Bericht zu Grunde liegt.

Ein Facharbeiter der Firma Christ aus Frankfurt verdiente demnach in einer Stunde 0,71 Reichmark. Tiefbauarbeiter erhielten einen Stundenlohn von 0,55 Reichsmark, Bauhilfsarbeiter 0,49 Reichsmark. Zum Vergleich: Für 0,52 Reichsmark gab es zwei Bier oder ein warmes Mittagessen.

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Strecke 46

Eines der ersten Bauwerke, das diese Arbeiter errichtet haben, befindet sich wenige Kilometer südlich von Eckarts - eine Brücke. Sie spannt sich über die Landstraße, die Rupboden und Weißenbach verbindet.

Die Arbeiter hatten sie im Hang auf einem geschütteten Damm gebaut. Einen Zweck erfüllt die Brücke, die in den Plänen der Strecke 46 als Bauwerk 25 auftaucht, bis heute nicht.

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Reichsautobahn Strecke 46

Über Sinn und Zweck des Projekts Reichsautobahn stritten sich schon damals - vor und während der Bauarbeiten - die Experten. Deutschland war nicht sonderlich stark motorisiert. Nur wenige Menschen besaßen Autos.

Um den Bau zu rechtfertigen, warf das Naziregime die Propagandemaschine an. Mit Hilfe der Arbeiten an den Autobahnen werde die Arbeitslosigkeit bekämpft, hieß es damals unter anderem.

Bis zu 600.000 Arbeitsplätze sollten entstehen - unter anderem durch verminderten Einsatz von Baumaschinen, schreibt der Wirtschaftswissenschaftler Richard Vahrenkamp. Auf dem Höchststand seien jedoch nur 125.000 Menschen auf den Baustellen beschäftigt gewesen.

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Strecke 46

Von der Brücke bei Rupboden aus beginnt die Suche nach weiteren Resten der Naziautobahn. Sie führt fast ausschließlich durch dichtbewaldetes Gebiet. Wildschweine sind hier zuhause. Ob das auch so wäre, wenn die Strecke 46 Realität geworden wäre?

Vor Baubeginn stellte sich der Strecke 46 eine riesige Arme aus Bäumen in den Weg. Diese mussten Arbeiter beseitigen. Von Norden her rodeten sie auf einer Strecke von 32 Kilometern und einer Breite von 40 Metern sämtliche Bäume. Ein enormer Eingriff in die Natur, und eine krasser Widerspruch zur Nazipropaganda.

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Reichsautobahn

Diese schwärmte von der Versöhnung von Technik und Natur, die mit dem Bau der Autobahnen einhergehe. Die Autobahnen würden sich der Natur anpassen, sich anschmiegen. Nun ja, vielmehr verdrängten sie diese ein stückweit.

Die Rodungen haben Spuren hinterlassen. Klar, die Natur hat sich die Strecke 46 recht zügig zurückgeholt. Aber noch heute ist unübersehbar, wo die Reichsautobahn verlaufen wäre.

Besonders eindrucksvoll ist das an einem Ort im Forst Aura zu sehen. Dort befindet sich eine Waldwegunterführung. Auf ihr wuchert Gestrüpp, das nur vor den Geländern der Brücke halt macht. Vom „Dach“ der Bauwerks aus ist die Schneise, die Arbeiter in den Wald geschlagen und gebrannt haben, noch deutlich zu sehen.

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Strecke 46

Wer der Schneise in südliche Richtung folgt, stößt auf das größte fertiggestellte Bauwerk der Strecke. Eine Unterführung, mitten in einem gewachsenen Felsen errichtet. Sie taucht unvermittelt neben einem Waldweg auf. Ein Flügel des Baus ragt, umzingelt von Bäumen und Sträuchern, in den Weg hinein. Aus der Luft betrachtet sieht er aus wie der dicke Stamm eines umgefallenen Baums.

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Reichsautobahn Strecke 46

Viele Bauwerke der Strecke 46 schafften es nicht über die Planung hinaus. Andere Arbeiten wurden eingestellt, nachdem das Fundament gegossen war. So lässt sich heute nur erahnen, was im Saaletal bei Schonderfeld entstehen sollte. Dort ragt ein etwa 16 Meter hoher Pfeiler in die Luft - der Deutsche Alpenverein nutzt ihn als Klettergarten. Der Pfeiler sollte Teil der Saalebrücke, die von einem Wald zu nächsten über das Tal geführt hätte, werden.

260 Meter lang und knapp 25 Meter breit sollte sie werden. Die Bauarbeiten wurden in einem relativ frühem Stadium eingestellt. Nur einer der geplanten vier Pfeiler wurde fertig, ein anderer befand sich immerhin schon im Bau. Mehre dunkle Höhlen sind in dem fertigen Pfeiler eingelassen. In ihnen hätte Sprengstoff Platz gefunden. Im Fall der Fälle wäre die Brücke gesprengt worden, damit feindliches Militär die Autobahn nicht zusammenhängend hätte nutzen können.

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Strecke 46

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Reichsautobahn

Der Abschnitt der Strecke 46 durch beziehungsweise über das Saaletal verdeutlich, wie unausgegoren die Pläne des Regimes für seine Autobahnen aus heutiger Sicht in Teilen gewesen sind. Zum einen wäre die Saaletalbrücke wegen der vorgesehenen Materialien mit dem zunehmenden Schwerlastverkehr nach dem Krieg bald sanierugnsbedürftig gewesen. Zum anderen hätten die Autos gerade im Bereich des Saaletals großen Steigungen bewältigen müssen. Die wären für Laster eine enorme Herausforderung gewesen.

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Reichsautobahn Strecke 46

Den Nazis ging es jedoch nicht darum, möglichst zweckdienliche Autobahnen zu bauen. Sie wollten die Schönheit Deutschlands betonen, die Fahrt auf einer Reichautobahn sollte Genuss sein, die Fahrer nicht langweilen.

„Autowandern“ hieß das Ziel. Zu diesem Zweck vermieden sie lange Geraden - außer, diese führten den Blick auf eine Sehenswürdigkeit. Vielmehr waren die Strecken kurvenreich geplant und führten statt durch Täler häufig über Gebirge.

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Reichsautobahn Strecke 46

Der Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 und damit der Beginn des Zweiten Weltkriegs besiegelte das Ende der Strecke 46 in Bayern. Einen guten Monat später wurden sämtliche Baustellen stillgelegt. Die endgültige Baueinstellung für das ganze Reich folgte 1942. Bis dahin waren lediglich gut 3800 von 1940 geplanten 20.000 Kilometern gebaut.

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Reichsautobahn Strecke 46

Ob die fertigen Autobahnen einen militärisch Nutzen hatten, ist umstritten gewesesen. Alleine der Fakt, dass die Wehrmacht nicht sonderlich stark mit Autos ausgestattet gewesen ist, spricht dagegen.

Kurioserweise war ausgerechnet die unfertige, nicht asphaltierte Strecke 46 im Krieg nützlich. Dort eroberte die Grasart Rotschwingel das Gelände zügig nach Bauende. Da der Rotschwingel schnell wächst, ist er für die Begrünung und Tarnung von Bunkern, Befestigungen und Flugplätzen gut geeignet. In den Sommern der Jahr 1942 bis 1944 wurde diese Grasart im Bereich der Strecke 46 vermehrt geerntet.

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Reichsautobahn Strecke 46

Nach dem Krieg wurden die Pläne für die Strecke 46 in Bayern nicht wieder aufgegriffen. Zu menschenleer und wirtschaftsschwach war die Region, durch die diese Reichsautobahn hätte führen sollte.

Während die Nachfolgerin der Strecke 46, die A7, von Bad Hersfeld bis kurz hinter Fulda größtenteils auf deren Route verläuft, weicht die Bundesautobahn in Bayern stark von den alten Plänen ab. Sie verläuft weiter östlich durch Franken, nahe an wichtigen Städten wie Bad Kissingen und Schweinfurt vorbei. Die A7 passiert Würzburg im Osten und streckt sich bis an die Grenze zu Österreich. Ab da nennt sie sich B179.

Die Strecke 46 hingegen stieß nicht so weit in den Süden vor. Ihre südlichsten Bauwerke befinden sich in der Nähe von Gemünden, 33 Kilometer von Würzburg entfernt. Dass sie einmal Teil einer Autobahn werden sollten, lassen sie kaum erahnen.

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Reichsautobahn Strecke 46

Text und Redaktion: Sascha-Pascal Schimmel
Videos und Fotos: Steffen Hildenbrand


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